Die „Pfadfinder im Jungborn“ werden Georgspfadfinder

Für die Pfadfinder taucht 1930 eine schwerwiegende Frage auf. In den Zeitschriften des Jungmänner – Verbandes erschienen immer wieder Bilder und Berichte von Georgspfadfindern. Sie wurden von den Pfadfindern natürlich eifrig gelesen und diskutiert. Von den Pfadfindern im Jungborn wurde dagegen in der Jungbornzeitschrift kaum mehr etwas geschrieben, und von Frankfurt, dem Sitz der „Pfadfinder im Jungborn“ kam gar nichts mehr. Nach kurzer Blüte war dort alles eingegangen. 

Die Jungen von der Wasserkante aber wollten Pfadfinder bleiben, und so wurde mit der DPSG – Reichsführung in Wuppertal Verbindung aufgenommen. Im Februar 1931 wurde dann der Stamm Wilhelmshaven – Rüstringen in die Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg aufgenommen. Norbert machte seine I. Grades-Prüfung und 1932 seine Feldmeister-Prüfung.

Das Pfadfinderleben ging weiter 

Die Abzeichen und die Halstücher wurden gewechselt, Der pfadfinderische Geist aber blieb. So blieb es auch nicht aus, daß der Stamm weiter wuchs. Zwei Pfadfindersippen – die Seeräuber unter Führung von Heinz Frankenberg und die Tiger unter der Führung von Jonny Miotk – und zwei Wölflingsrudel (heute Jungpfadfinder) die schwarzen Wölflinge führte Paul Sandera und die weißen Wölflinge Adolf Ickinger – waren die äußeren Zeichen der aktiven Arbeit. 

Die neue Gruppenarbeit trägt reiche Frucht

Die Jugendarbeit bei den Pfadfindern und in der Sturmschar trug nun reiche Frucht. 1932 waren mehr als 130 Jungen in den Jungengruppen, eine stattliche Zahl bei ca. 6000 Katholiken. Das Heim war nachmittags und abends immer voller junger Menschen. Vikar Meyer, der inzwischen seinen Dienst in St. Marien angetreten hatte, klagte einmal: „Immer, wenn ich ins Heim schaue, sehe ich neue Gesichter. Ich glaube, ich komme nie dahinter, was hier eigentlich los ist.“ Zu seiner Ehre sei gesagt, daß er es geschafft hat und sich wacker für die Jugend während der NS-Zeit eingesetzt hat. 
Durch die Jugendarbeit in St. Marien angeregt, gründeten abseits stehende Oberschüler Anfang der 30iger Jahre in St. Willehad eine ND-Gruppe. Da die Neudeutschen nicht zum Jungmännerverband gehörten, waren die Kontakte anfangs sehr gering. 

Sturm und Kampf

1932 wurde das „Sturmjahr“ der katholischen Jugend ausgerufen. Es galt, der Radikalisierung der deutschen Jugend Einhalt zu bieten und Jugend zu werben. Die katholische Jugend, die bisher im Stillen gearbeitet hatte, wurde auf die Straße gerufen. Nun wurde marschiert mit Bannern, Trommeln und Fanfaren. Kommandos und Treu-Heil-Rufe hallten durch die Straßen. Öffentliche Kundgebungen und Kranzniederlegungen fanden im ganzen Reiche statt. In jedem Dekanat wurde die katholische Jugend von Zeit zu Zeit schwerpunktartig an einem Ort zusammengezogen. Mit Lastautos ging es dort hin. Bei jeder Kundgebung traf sich eine stattliche Zahl von Sturmschärlern, Pfadfindern, Deutschmeister – Jungenschaft, Neudeutsche und Kolpings Wandernde Gesellen. Auch die Mädchenwaren dabei. 

Sturmtag in Wilhelmshaven

Im November 1932 war Sturmtag in Wilhelmshaven. Der Verlauf war wie folgt: 
Drei religiöse Vortragsabende in St. Marien, gehalten von Franziskanerpater Severin. 
Sonntag: Gemeinschaftsmesse in St. Willehad, danach Marsch durch die Stadt nach St. Marien in der Ansgaristraße. 
Am Nachmittag Bekenntnismarsch im Gleichschritt durch die Stadt mit dem Lied 
„Wir sind bereit, rufen es weit, Christus der Herr auch unserer Zeit!“ 
Um 16.00 Uhr war die Feierstunde im Kolpinghaus unter dem Motto: Weit lasst die Fahnen wehen! Sprechchöre und Bekenntnislieder wurden vorgetragen. Vikar Meyer hielt die Sturmrede und forderte eine radikale Nachfolge Christi. Abends in der Weiheandacht forderte der auswärtige Redner Kaplan Zumbrägel, später Pfarrer von St. Willehad, zum Bekenntnis für Christus auf. 
So waren wir unterwegs nach Nordenham und Anfang September 1932 nach Delmenhorst.

Dann kam die Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933

Nun traten religiöse Wochen mehr in den Vordergrund. Anfang September 1933 kam Religionslehrer Friedrichs nach Wilhelmshaven und leitete eine solche Woche. Er war hier kein Unbekannter. Seit 1924 hatte er mit den Jungbornern Kontakt. Er verstand es, die Jugend anzusprechen. Die Besucherzahl stieg von Tag zu Tag. Seine Aktivität hat später die Nationalsozialisten veranlasst, ihn jahrelang im KZ Dachau einzusperren. Am 20.7.1933 wurde das Reichskonkordat unterzeichnet.

Ende September 1933 traf sich die katholische Jugend wieder zu einer öffentlichen Kundgebung in Brake. Vorausgegangen waren Bannerweihe und eine Pfadfinder – Versprechensfeier. 18 Jungen aus Brake legten ihr Versprechen ab. Vikar Ludlage, der 1932 von Wilhelmshaven nach Brake versetzt worden war, hatte nicht geruht und gerastet, bis er wieder Pfadfinder um sich hatte.

Mitte November 1933 war in Varel Bannerweihe der Deutschmeister – Jungenschaft. Wieder war alles zur Stelle. Noch einmal gab es einen Ummarsch durch die Stadt. Es war der letzte. Dann wurden wir aus der Öffentlichkeit verbannt. In der „Oldenburgischen Volkszeitung“, der Zeitung des katholischen Oldenburger Münsterlandes, erschienen nun keine Artikel mehr über die Arbeit der katholischen Jugend in Wilhelmshaven. Johannes Koschel, unser Pressereferent, hatte hier viele Jahre lang lebendig und zeitnah die Jugendarbeit in Wilhelmshaven geschildert. Seine Artikel machten es möglich, diesen Bericht ziemlich lückenlos bis hierher zu geben.

Die Schwierigkeiten werden größer

1934 ging Norbert mit 28 Wölflingen in ein 4tägiges Lager zum Lönsheim, das am Rande des Upjeverschen Busches zwischen Wald und Heide liegt. Es waren 18 jungen aus Wilhelmshaven und 10 Jungen aus Brake. Hier war man ganz ungestört. Für die Braker Jungen war es ein besonderes Erlebnis, denn sie lernten zum ersten Mal den Wald kennen. Norbert musste sie an die Hand nehmen und hineinführen. Nach ein paar Tagen aber waren sie schon mit dem Wald ganz vertraut.

Im August fuhr Norbert zum Reichsführerkurs der DPSG nach Altenberg. Dort hörte er nun schon Berichte über Terrorakte der neuen Machthaber. Auch wir sollten davon nicht verschont bleiben. Im September 1934 beschmierten HJ-Führer unser Heim in der Ansgaristraße mit Sprüchen wie „Hinein in die HJ“ usw. Vorher war das Bild Karls des Großen am Portal der St. Willehadkirche mit einem roten Heiligenschein versehen worden. Auf dem Bürgersteig standen dazu die Worte: „Blutiger Heiligenschein“. Um diese Zeit bewachten die Pfadfinder manche Nacht die Kirche und das Heim.

Vikar Meyer hatte manchen Strauß mit dem Bannführer der HJ Leopold auszufechten. Frech und aggressiv wurde hier vorgegangen, das Konkordat missachtet und die katholischen Jungen und Mädchen gezwungen in die Hitler – Jugend einzutreten.

1935

Das tragen der Pfadfinderkluft in der Öffentlichkeit wurde verboten. Außerhalb der HJ durften nicht mehr als 3 Mann zusammen auf Fahrt gehen. Norbert war im August 1935 gerade mit dem Fahrrad auf dem Weg nach Altenberg zu einem Kulturkreis der DPSG, als im Rheinland das Verbot gegeben wurde, dass Jugendliche über 14 Jahren nur mit kurzen Hosen auf Fahrt gehen dürften, wenn sie mit der HJ unterwegs seien. Er kaufte sich daher in Duisburg seine erste Knickerbocker.

Große Fahrten wurden nun im kleinen Kreis organisiert. Die Älteren zogen zu Dritt los. Es wurden feine Fahrten. Paul Sandera, Richard Grimm und Norbert starteten in diesem Jahr nach Dänemark, um einmal freie Luft zu atmen. Trotz aller Einschränkungen wurde fleißig weiter gearbeitet. Im Januar war in St. Willehad ein Wölflingsrudel gegründet worden. Hein Welscheid hat es über ein Jahr geführt.

Karl Leisner, der einzige Priester, der später im Konzentrationslager Dachau geweiht wurde, kam im März nach Wilhelmshaven und hielt eine Führerschulung. Walter Cassott, unser Reichsfeldmeister, besuchte im November den Stamm. Bei einem Rundblick vom Rathausturm erzählte Norbert ihm, dass die Straßen, Plätze und Siedlungen umgetauft worden seien, z.B. hier in Kinderreichen-Siedlung. „Na“, sagte Walter, „da werden wir ja einmal Vieles wieder umzuändern haben.“ – Nur österliche Menschen konnten damals so etwas sagen.

1936

Die Einschränkungen und Verfolgungen wurden schon drückender, aber die Arbeit lief weiter. Vikar Wienken der 1935 nach Wilhelmshaven versetzt worden war, begann damit, die Hauptarbeit mehr und mehr auf religiöse und liturgische Gebiete zu verlegen. So wurde im Herbst 1936 der Liturgiekreis und der Singekreis gegründet. Dazu kam eine Schola unter der Leitung von Fritz Grimm. Pater Schwake OSB. wusste ihn und uns zu begeistern. Viele Jahre hat diese Schola mit geholfen, die liturgischen Feiern auszugestalten. An jedem Sonntagmorgen nach der 8-Uhr-Messe wurde geprobt. Die Probe wurde eröffnet mit dem Kanon „Wacht auf, wacht auf, es krähte der Hahn“. Ich weiß heute nicht mehr, warum wir diesen Kanon so gerne sangen, vielleicht weil Fritz unseren Choralgesang mehr als Krähen bezeichnete. Als Fritz eingezogen wurde übernahm Rudi Gusy die Arbeit. 

Die Arbeit mit der Jungschar wurde immer schwieriger. Von allen Seiten wurden die Jungen bedrängt, der Hitlerjugend beizutreten. Die Arbeit mit den Älteren ging jedoch weiter.  

1937

Auch in diesem Jahr wurden wieder Fahrten zu Dritt organisiert. Norbert fuhr im September mit Paul Sandera und Richard Grimm nach Thüringen. Die Thüringer grüßten vornehmlich mit „Heil Hitler“. Paul, der Proviantmeister, sagte, wenn er einen Laden betrat, grundsätzlich „Moin“. Er wurde stets lebhaft mit „Heil Hitler“ wiedergegrüßt. Am Ende der Fahrt wurde er schon weich, aber er hielt durch. Auf der Rückreise betrat er in Bremen einen Laden und sagte ganz in Gedanken ,,Heil Hitler“. Ein eisiges Schweigen umfing ihn, Paul war ganz benommen von seinem Frevel aber doch sehr beruhigt, denn er spürte, daß er wieder in Norddeutschland war. 

Im Oktober bekam Norbert, der gerade krank war, Besuch von der Gestapo. Sie schnüffelte überall herum, öffnete Kästen und Schubladen, um belastendes Material zu finden. Norbert hatte aber alles vorher in Sicherheit gebracht mit Ausnahme seines Fotoalbums, und das nahmen sie dann mit. Daher hat er keine Bilder mehr über das Pfadfinderleben vor dieser Zeit. Heiner Strang hatte das Lilienbanner zu Hause versteckt. Es hat alle Bombennächte gut überstanden und weht heute wieder über unserem Stamm. Erich Koschel und Norbert hatten die gelben und grauen Singeschiffe sowie das Protokollbuch des Katholischen Jungmänner-Verbandes im Doppelboden des Jugendheimes versteckt. Das Buch befindet sich heute im Pfarramt St. Marien. 
Eine Führerschulung der DPSG fand noch im Oktober in Bremen statt.

1938

Die Deutsche Pfadfinderschaft St. Georg wurde im Januar umbenannt in Gemeinschaft St. Georg. Im Februar wurde sie unter Zwang aufgelöst und verboten. 
Im April war die Gestapo wieder bei Norbert. Auch diesmal ging alles glimpflich ab. 
Im August fand wieder eine Fahrt zu Dritt statt. Kurt Flieger, Herman Rüstemeyer und Norbert durchwanderten den Kyffhäuser und den Harz. 
Um trotz Verbot und Verfolgung auch noch Gesellig zusammen bleiben zu können, wurden nun neue Wege beschritten. Als erstes machte der Singekreis einen Tanzkursus mit. Der Tanzlehrer war begeistert von unserer Schar und gerne bereit, uns mehr zu lehren als üblich war. Es war auch noch möglich, Tages- und Nachmittagsfahrten in die nähere Umgebung, in Wald und Heide (Mettker Büsche, Horster Heide, Fuhrenkämpe usw.) zu unternehmen. Dabei wurden die Treffpunkte weiter außerhalb der Stadt gelegt. Die gemeinsamen Erlebnisse und frohen Stunden sowie der Druck von außen schweißten die Gemeinschaft immer fester zusammen. 

1939

Die Arbeit im Liturgiekreis ging weiter. Von dieser Arbeit her erhielt das religiöse Leben und die Gestaltung der Gottesdienste in der Gemeinde einen großen Aufschwung. Gemeinschaftsmesse und liturgische Gebete, Vesper, Komplet und Psalmen wurden mit Begeisterung gebetet und gesungen. An jedem Mittwochmorgen um 5.3O Uhr war die Jugend zu ihrer Gemeinschaftsmesse zur Stelle. Anschließend gab es ein frohes gemeinsames Frühstück, und so ging jeder gestärkt an Seele und Leib hinaus in den Kampf an seine Arbeitsstätte, an seine Aufgabe. Da der Druck der Nationalsozialistischen Partei sich weiter verstärkte, wurde es auch immer schwerer, sich dagegen zu behaupten. Viele haben berufliche und wirtschaftliche Nachteile dafür hinnehmen müssen und manches Opfer gebracht.


Auch die Arbeit im Singekreis sowie Hausmusik mit Klampfen, Blockflöten und Gambe wurden eifrig gepflegt. Die Musikabende gingen reihum in den verschiedenen Familien. Jungmannschaftsabende und Führersitzungen fanden noch regelmäßig statt. Für die Fahrten wurde nun das KdF. – Programm (Kraft durch Freude – die Urlaubsorganisation der Deutschen Arbeitsfront) weidlich ausgenutzt.Zehn bis fünfzehn Mann fuhren mit nach Oberbayern zum Wintersport. Man war dort ziemlich unbeobachtet und wenn man wollte, ganz unter sich. 

Die Bayern staunten nur, daß die KdF. – Leute aus Norddeutschland vornehmlich mit „Grüß Gott“ grüßten. Norbert machte mit Dreien eine Großfahrt in die Lüneburger Heide. Rudi Gusy und Fritz Thöle waren zwei gute Fahrtengesellen. 
Am 23.2.1939 während einer Verdunkelungsübung wurden Heinz Flieger und Norbert, als sie ca. 150 m vom Jugendheim entfernt waren von NS-Leuten auf der Straße überfallen und zusammengeschlagen. Heinz kam mit einigen Beulen ab. Norbert wurde mit einem Schlagring das Nasenbein eingeschlagen. Sein Auge wurde blau wie eine Kornblume, und da zu der Zeit der Schlager „Kornblumenblau“ aufkam, hat er einiges anhören müssen. 

Am 1.9.1939 begann der Krieg mit Polen. 
Am 11.9.1039 fiel als erster Pfadfinder von St. Marien Adolf Ickinger.